Montag, 14. März 2011

18/ Eine Indische Hochzeit


Hintergrundwissen

Im Leben eines Inders gibt es nur drei wirklich einschneidende Ereignisse: Geburt – Heirat – Tod.
Indische Heiraten sind der der Regel „arrangiert“, d.h. die Eltern der Brautleute haben sich darauf geeinigt, ihre Kinder miteinander zu vermählen. Je nach Orthodoxität und Strenge der Eltern haben die zu Verheiratenden mehr oder weniger Mitspracherecht und dürfen einen vorgeschlagenen Ehepartner auch mal ablehnen. Doch sie müssen wissen, dass mit zunehmendem Alter (vorrangig bei Frauen) auch der „Marktwert“ sinkt.
Liebe spielt bei der Auswahl des Ehepartners bei den traditionell gesinnten Indern keine große Rolle. Die Liebe, so sagt man, kommt mit den Jahren.
Zumeist wird nur innerhalb der eigenen Kaste geheiratet, dadurch ist die Auswahl schon erheblich eingeschränkt. Zudem werden die Geburtshoroskope der beiden zu Trauenden miteinander verglichen – erkennen die Astrologen einen disharmonischen Aspekt, wird die Heirat abgeblasen. Sind aber alle Hindernisse aus dem Weg geräumt, wird über die von den Brauteltern zu zahlende Mitgift verhandelt.
Die Hochzeit eines indischen Paares findet an einem astrologisch vorausberechneten Datum statt. Nur an solchen „glückverheißenden“ Tagen kann geheiratet werden. So kommt es, dass an manchen Tagen wohl in ganz Indien keine einzige Hochzeit stattfindet, an anderen wiederum der große „Run“ einsetzt.


Meine erste indische Hochzeit

Es ist noch nicht allzu lange her; ich saβ mal wieder in meine Arbeit vertieft am Schreibtisch, als plötzlich hinter mir jemand sagte: „Excuse me, ...“. Eine Frau und ein Mann standen da, von denen ich glaubte sie vorher noch nie gesehen zu haben. Sie sagten, sie möchten am 6. März heiraten und ich sei herzlich eingeladen. Das Paar überreichte mir einen Umschlag, auf dem mein Name stand. Darin befand sich eine hübsch gestaltete Einladungskarte.
Sweta bemerkte wahrscheinlich mein angenehm überraschtes bis ungläubiges Gesicht und wandte sich zu mir mit den Worten: „Kennst du sie? Das ist Sujatha, sie arbeitet im Software-Department und das ist Bijoor, er arbeitet im Imaging-Department.“ Mir ging ein Licht auf und ich bedankte mich für die Einladung zu meiner ersten indischen Hochzeit. So zogen die beiden weiter durch die Reihen, verteilten Einladungen und nahmen Glückwünsche entgegen.
Die Hochzeit selbst sollte am Sonntag um 9.00 Uhr im Sri Durgaparameshwari Temple im 30 km entfernten Mandarthi nördlich von Manipal stattfinden.

Mein Chef bot mir einen Platz in seinem Auto an. Das musste ich aber ablehnen, da Martin natürlich auch mitkommen sollte. Mr. Desai, den ich gerne als rührigen Firmenpapa bezeichne, organisierte uns sogleich eine alternative Mitfahrgelegenheit. Wir sollten mit den beiden Abteilungsleitern Manjunath (Imaging) und Sreekant auf ihren Motorrädern zur Hochzeit fahren.
Sonntagfrüh um 8 warteten Martin und ich in der Firma auf die beiden. Mit 25 Minuten Verspätung ging es dann los. Martin fuhr auf dem leistungsstärkeren Gefährt von Manjunath mit, ich bei Sreekant. Wir fuhren zum Tiger Circle, an der Universität und Bibliothek vorbei, Richtung Endpoint. Sreekant und ich quatschen fast die ganze Fahrt miteinander, wenn ich nicht gerade wieder filmte. Motorräder sind wirklich das schönste Fortbewegungmittel hier in Indien. Macht euch am besten selbst ein Bild:


 Start in Manipal: TC, Bibliothek, Universität

(Video bitte anklicken)



Bine auf dem Motorrad

(Video bitte anklicken)



Martin auf dem Motorrad







Mehrmals fragte mein Fahrer ohne Anzuhalten andere Motorradfahrer nach dem Weg oder verlangsamte etwas, um die Leute am Straβenrand zu fragen. Einmal hielt er sogar an, um mir die Cashew-Nussbäume von Nahem zu zeigen.

Kurz nach 9 kamen wir in Mandarthi an. Als wir den Hochzeitssaal betraten, hatte die Zeremonie noch nicht begonnen und wir nahmen auf zwei der vielen freien roten Plastikstühle Platz. Wie es schien waren wir 4 außer der Familie die einzigen Gäste. Dann erklang Musik in Form von Trommeln und der pompöse Bräutigam trat auf die Bühne. Wenig später folgte ihm seine Braut.

Mit Sreekant vor dem Tempel



Die Hochzeitszeremonie (Muhurtham) stellt eine komplexe Abfolge alter Traditionen und religiöser Riten dar. Die Durchführung und genaue Einhaltung der Reihenfolge obliegt dem Priester. Seine klaren Ansagen waren auch dringend nötig, denn weder Hochzeitspaar noch andere Involvierte wussten so genau, was als nächster Programmpunkt anstand.
Als erstes musste Sujatha ihrem Bräutigam die Füße waschen. Dann legten sie einander die großen Blumenketten um den Hals.



Rituell übergibt der Brautvater seine Tochter dem Bräutigam, indem er die Hände der beiden über einem Krug zusammen legt, segnet sie mit Gangeswasser und betet um den Beistand Gottes. Später knoten Frauen den Sari der Braut mit einem Ende des Schultertuchs des Bräutigams als Zeichen der ehelichen Verbindung zusammen. 


 
Der wichtigste Teil der Eheschließung sind die „Sieben Schritte“, die das Brautpaar um ein rituelles Feuer geht. Dabei ist die Braut mit dem Sari an den Bräutigam gebunden und geht hintenan – ein Hinweis welche untergeordnete Rolle die Ehefrau später zu spielen haben wird.
Schließlich tupft er ihr geweihte rote Farbe auf den Scheitel sowie auf die Stirn einen Punkt, den sie von nun an immer als wichtiges Segenszeichen der verheirateten Frau tragen wird. 

Die Braut muss in jedes des 7 Reishäufchen mit ihren Zeh tippen. Jeder Haufen mit einer Münze oben drauf hat eine andere Bedeutung.
auf dem Tablett pures Silber
 
Am Ende sollte jeder aus einer Schale Reis nehmen. Das Brautpaar wurde gesegnet, in dem man den Reis auf ihre Köpfe warf. Martin als geborener Linkshänder sorgte fast noch für einen Skandal am Hochzeitstag. Er nahm den Reis in die linke Hand und wollte schon werfen, da ging schnell jemand dazwischen und sagte ihm, er solle es in die rechte Hand nehmen. Die linke Hand darf in Indien nicht benutzt werden – auch nicht zum Essen – da sie als unrein gilt. 



Das Video zur Hochzeit



Dann folgten alle Anwesenden dem Brautpaar in den Tempel. Dort darf ja leider nicht fotografiert werden. Eine alte Dame verpasste mir einen dicken Strich auf die Stirn und ich bekam Blumen ins Haar gesteckt.
Wir wurden bestimmt gleich nach dem Hochzeitspaar am zweit meisten fotografiert. Teilweise konnte man den Eindruck gewinnen, dass das Hochzeitspaar eher für Fotos und Videos posieren musste, als sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.


Gegen halb 11 ging es auf die Dachterrasse des Hochzeitssaales. Dort gab es eine warme Zwischenmahlzeit für alle Gäste. Wir staunten nicht schlecht, als Bananenblätter auf die Tische verteilt wurden. Das war nicht etwa schöne Deko, sondern ein Tellerersatz. Jeder bekam etwas Wasser, um damit das Blatt mit den Fingern sauber zu reiben. War ich sonst immer bestens ausgestattet mit Essbesteck bzw. konnte ich mich vor dem Essen mit Händen drücken, blieb mir heute nichts anderes übrig. Es gab Idlis mit einer Soße und süßen Brei. Für einen blutigen Anfänger wie mich war dieses Mahl zu verzehren noch gut zu bewerkstelligen.



Bis zum zweiten offiziellen Teil der Hochzeit war noch etwas Zeit, deswegen machte sich unsere Vierer-Motorradgang auf den Weg zu einer weiteren Sehenswürdigkeit in der Nähe. Wieder ein Tempel. Das Weiß des Tempels funkelte nur so in der Sonne und vor dem satten Blau des Himmels. Auch der See war eine willkommene Einladung für schöne Erinnerungsfotos.



Dann schwangen wir uns wieder auf die Bikes und fuhren zu einem Hotel, in dem die „Reception“ stattfinden sollte. Unheimlich viele Menschen waren plötzlich da. Das Brautpaar hatte sich umgezogen. Er trug jetzt einen eher westlichen Anzug, sie wieder einen farbenfrohen glitzernden Sari. Sie nahmen auf der Bühne Platz. Dann begann für das Paar eine wieder bestimmt anstrengende Prozedur. Alle Gäste kamen nacheinander auf die Bühne und beglückwünschten das Paar. Gäste und Hochzeitspaar wurden auf unzähligen Fotos für die Ewigkeit festgehalten.
Jetzt war auch die halbe Firma da inkl. meiner Freundinnen und der Chefs. Meine Mädels lobten mich für mein Outfit. Es stach etwas heraus aus den traditionell schick zurecht gemachten Frauen mit jeder Menge KlimmBimm.


Dann stellte ich meinen Chefs Martin vor. Es herrschte Mal wieder klare Geschlechtertrennung – die Männer unterhielten sich, ich setzte mich zu den Ehefrauen. Aber gute Väter scheinen die Inder zu sein – die Kleinen immer bei Papa im Arm.

Tochter von Mr. Shanbhag
Tochter von Manjunath
Danach begaben wir uns runter in den Hof zur brennenden Mittagszeit. Wir mussten warten bis die Gäste der ersten Runde aufgegessen hatten. Dann wurde alles abgeräumt und wir kamen dran. Dabei wurde die Tafeln in eine vegetarische und eine nicht-vegetarische Sektion unterteilt. Dadurch saß ich weit entfernt von allen meinen Freundinnen. Dafür war mein Sitznachbar einer meiner Schüler und wir unterhielten uns prächtig. Ich klärte ihn über die alkoholischen Unterschiede zwischen Deutschland und Indien auf. Er erzählte mir von seiner Frau, die zurzeit in Bangalore bei ihren Eltern leben würde, damit diese sie mit dem Kind unterstützen. Und er möchte mir auch einen Sari schenken – ich weiß ja nicht mit wie vielen Saris ich dann aus Indien ausreisen werde. Ich hoffe der Zoll hat nichts dagegen, wenn ich dann in Chemnitz mein eigenes Sarigeschäft aufmache. Aber ich kriege das doch eh nicht gebacken die anzuziehen bzw. fehlt die Geduld für ein stundenlanges Anziehprozedere.
Das Mittagsessen auf Bananenblättern war sehr lecker - was vielleicht auf an dem hohen Chicken-Anteil lag. Ich kann jetzt sogar so einen komischen Reisfladen (White Dosa) mit nur einer Hand in Stücke zerteilen. Zum Nachtisch gabs Eis und mein Liebster schaffte es mir unter der Hand noch ein zweites davon zu organisieren.


Nach Beglückwünschung und großem Essen erwartete ich ja jetzt die mega Hochzeitsparty. Falsch gedacht! Hiermit war es zu Ende. Die Gäste waren also alle nur zum Essen gekommen. Wieder nichts mit Tanzen.
Meine Chefs boten Martin und mir an uns im Auto mitzunehmen. Auf dem Weg entdeckten wir sogar unsere erste indische Ampel. In Udupi wurden wir noch in ein Restaurant eingeladen. Schon wieder essen! Wir saßen im AC-Raum (mit Klimaanlage). Auf der Speisekarte waren die Preise in AC-Preise und ohne unterteilt. Auf Empfehlung meiner Chefs nahm ich so einen „special“ Eisbecher. Der war jetzt nicht so herausragend – besonders die darin enthaltenen Nudeln waren gewöhnungsbedürftig.
Dann ging es weiter zum Haus von Mr. Shanbhag. Die Familie von Mr. Desai, Martin und ich betraten das Haus. Wenige Minuten später stand mein Chef plötzlich in Jogginganzug vor mir.
Martin verstand sich besonders gut mit dem Opa und wir wurden stolz durch das ganze Haus geführt. Im Gegensatz zu Deutschland präsentiert man hier jedes Zimmer – selbst alle Schlafzimmer sollen die Gäste betreten. Im Haus stand (für meinen Geschmack) jede Menge Kitsch rum. Aber Inder sind ja gerne so. Ich bestaunte trotzdem alles anerkennend – höflich wie ich bin. Im Garten fanden wir einen riesigen, mehrere Meter breiten Brunnen und viele exotische Obstbäume vor.




















Im Fernsehen lief Cricket – Indien gegen Südafrika. Wir setzten uns zu Tisch um zu essen - mal wieder. Plötzlich waren dann alle weg, während ich noch gar nicht fertig war mit essen. In Indien essen sie halt sehr schnell, ich bin dagegen eine Genießerin mit jedem Bissen.

Es war schön und fast eine Ehre so ganz spontan zu meinem Chef eingeladen zu werden. Wieder waren wir ein Stückchen näher am indischen Lifestyle. Danach fuhr uns Mr. Desai noch direkt vor unsere Tür.
Das war der vielleicht bisher erlebnisreichste Tag in meinem schon 1,5 Monate andauernden Indienabenteuer.



PS. Nicht wundern über verspätete Blogeinträge, aber wir haben hier zurzeit täglich ziemlich schlimme Probleme mit Stromausfall und fehlender Internetverbindung.



Mittwoch, 9. März 2011

17/ Rund ums Essen

Diese Woche jährte sich das Bestehen des Ganesha-Tempels im Firmengelände zum ersten Mal. Das musste gefeiert werden mit einem gemeinsamen Mittagsessen der gesamten Belegschaft (MDS und Manipal Press).
Das groβe Festessen fand auf dem Hof statt. Groβe Zelten waren errichtet worden. Bei 2.000 Mitarbeitern könnt ihr euch den Andrang zur Mittagszeit am Buffet sicherlich vorstellen. Deshalb schlugen meine Mädels und ich zuerst den Weg zum Tempel ein. Ehrlich gesagt hatte ich diesen im Vorbeigehen immer für eine Grillhütte gehalten – ideal zum Barbeque. Das blieb eine Wunschvorstellung. 

Der Tempel

Beim Tempel hieβ es wieder Füβe auf heiβen Steinplatten entblößen. Wir reihten uns in eine lange Schlange ein. Mein Blick schweifte umher und ich entdeckte eine Art VIP-Lounge. Dort aβen die feingekleideten hohen Tiere – einige Chinesen (Asiaten kann man ja in Indien schlecht sagen.) fielen mir auf. Grund genug meine Kamera auszupacken und bei den betenden Indern jetzt mit touristischem Accessoire noch mehr heraus zu stechen. Vor dem Tempel konnte man sein Geld ablegen, Blumen, etwas Flüssiges und etwas für die Stirn erhalten. Ich folgte dem Menschenstrom, lief eine Runde um den kleinen Tempel und fertig.

 

Wer hätte es gedacht, danach wurde ich sogleich von meinen Freundinnen nach meiner Religion gefragt. Antwort: „Ich habe keine Religion. Ich glaube nicht an Gott.“ Wahrscheinlich hatte mich damit noch nicht deutlich genug ausgedrückt, denn sie fragten weiter: „Aber zu wem betest du, wenn du Angst hast?“ Antwort: „Ich bete nicht. Ich benutze mein Gehirn.“ Jetzt fragten sie: „Und feierst du Weihnachten?“ Antwort: „Ich feiere Weihnachten als Fest der Familie.“
Hatten wir das auch geklärt und ab ging es zum Essen. In einer Reihe standen verschiedene Tröge, aus denen ich von jedem etwas auf meinen schicken Plastikteller drauf gehauen bekam. Es war typisches südindisches Essen, was ich schon teilweise zum Mittag bei meinen Kolleginnen gekostet hatte. Von unglaublich scharf bis extrem süβ war alles dabei. In weiser Voraussicht hatte ich mir bereits einen Löffel eingepackt. Der war dringend nötig, wenn auch sehr aufmerksamkeitsstark unter den 2.000 fleischgewordenen Essbestecken.
Beim Essen unterlag ich tatsächlich einer Fatamorgana: Ich glaubte auf meinen Teller ein zartes saftiges Stück Fleisch entdeckt zu haben. Bei dem beige-rosafarbene Anblick mit seinen zarten Sehnen lief mir das Wasser im Mund zusammen und ich genoβ meinen ersten Bissen. Prajna weckte mich aus dieser trügerischen Falle und behauptete es sei Gemüse. Nach einem Nachtisch mit Hauptbestandteil Zucker empfahl man mir unbedingt einen Becher Buttermilch zu kosten. Ich zögerte; auf der weiβen Flüssigkeit schwammen gelbe Dinger. Mutig setzte ich den Becher an – fataler Fehler – es war scheußlich! War die brütende Mittagshitze verantwortlich oder musste das so sein?




Mein Ess-Alltag

Mein Frühstück findet meistens im Treppenhaus mit einer Sandwich-Kombination aus Weiβbrotscheiben, Butter und Marmelade statt. In seltenen Fällen müssen auch Milchbrötchen oder Kekse herhalten. Gelegentlich bleibt der Magen leer.

10.30 Uhr esse ich die erste von meinen drei warmen Mahlzeiten am Tag. In der Cafeteria gibt es für die ganze Firma Tee, Kaffee und wechselnde Gerichte wie Idli, Puri Bhaji, Veg Pulav oder Parota Kurma. Das Essen liefert ein Restaurant – es schmeckt gut und ist nicht zu scharf.

Bei dem gleichen Restaurant bestelle ich auch mein Mittagessen. Die anderen bringen sich ihr Essen von zu Hause mit. Meistens wähle ich Veg Meal, Fish Meal, Veg Noodles, Veg Macroni oder Veg Fried Rice. Oft bestelle ich auch mehrere Essen und lagere die restlichen im Kühlschrank, damit ich sie abends mit nach Hause nehmen kann.

In der 5 Uhr Pause gibt es wieder Tee und Kaffee – Kekse und Sandwichs auf Bestellung.

Hin und wieder bin ich verführerischen Zwischendurchmahlzeiten erlegen – meistens auf dem Weg vom Tiger Circle nach Hause. Ganz oben bei den unwiderstehlichen Köstlichkeiten stehen Bananenmilchshake, Eis, fritiertes Junkfood und frische Bäcker-Kekse.

Unser Junkfood-Stand

Dank unserer neusten Anschaffung können wir jetzt auch zu Hause speisen. Wir haben jetzt eine niegelnagelneue Mikrowelle für 3.000 Rupien mit Garantie! Letztens wollte ich gerade mein heiβersehntes Abendmahl in die Mikrowelle schieben, da war mal wieder Stromausfall. Wir gingen ins Restaurant. Den Veg Rice gabs dann zum Frühstück.

Egg Maggi, Parota und Dal Fry *köstlich*


Essensoase
Nachdem wir mehrmals von Stromausfällen heimgesucht wurden (kein Licht, keine Ventilatoren + Klimaanlage, kein Internet) und unserer komischer Notfallgenerator auch nicht funktionierte, hielt uns nichts mehr zu Hause. Schon lange wollten wir die hochmoderne und gröβte Mensa Manipals, den „Food Court“, besuchen. In dem imposanten Gebäude (horizontaler Zylinder) gibt es für nur einen Euro sogar Non-Veg (also auch Chicken) all you can eat. 


Der riesige Saal teilt sich optisch durch vier verschiedenfarbige Stuhlabteile. Das Buffet befindet sich in der Mitte. In die Vertiefungen des metallisch glänzenden Essenstabletts werden verschiedene Soβen, Reis, Chapati (mehlige Teigfladen), Kartoffel- bzw. Gemüsepräparationen, Hühnchen, weiβer Joghurt und Chips gefüllt. Dann heiβt es Essen bis der Bauch platzt oder der Rachen brennt.




Montag, 7. März 2011

16/ Happy Birthday Martin!


In einem groβen Geschenkeladen hielt ich Ausschau nach einem Geschenk für Martins Geburtstag. Der Verkäufer bot mir Uhren, Gürtel, Feuerzeuge und ein Schlipsset an. Ich entschied mich für ein schwarzes Lederportemonnaie von Hugo Boss – ein neues war dringend nötig. Mit Schrecken stellte ich fest, dass ich nicht genug Geld dabei hatte. Da antwortete der gewandte Verkäufer: „Das ist kein Problem. Zahlen Sie einfach ein anderes Mal. Ich vertraue Leuten wie Ihnen.“ Und natürlich kann ich es jederzeit umtauschen, wenn es meinem Freund nicht gefällt. Zu guter Letzt wickelten sie es noch in schön kitschiges Herzchengeschenkpapier ein und klebten eine Gruβkarte darauf. Der Geburtstag war gerettet!
Im Gift House gibt's Geschenke

Am 1. März wurde Martin ein Jahr älter und ich verwöhnte ihn mit einem leckeren Frühstück – den Umständen entsprechend mit Marmeladentoast und Wassermelonenstückchen. Mein Geschenk traf genau seinen Geschmack.
Wie ich später erfuhr, standen unsere Nachbarn pünktlich um Mitternacht vor unserer Tür und waren bereit für eine Überraschungsparty. Wahrscheinlich weil ich vor einigen Wochen erwähnt hatte, dass ich zu Martins Geburtstag etwas planen möchte. Wir schliefen tief und fest. Die Party haben wir zwecks Prüfungsstresses auf Samstag verschoben.

Von der Arbeit hatte ich mich an diesem Tag etwas eher verabschiedet und unternahm zu Fuβ einen Wettlauf gegen die Zeit, Hitze und Entfernung. Ich hatte mir vorgenommen einige besondere Köstlichkeiten einzukaufen.
Erst lief ich vom Tiger Circle zum Hangyo Restaurant, weil es dort den Butterscotch-Milkshake gab, der Martin am besten schmeckte. Nachdem ich denen irgendwie klar gemacht hatte, dass ich ihn eingepackt mitnehmen möchte, ging es im Eilschritt wieder Richtung Tiger Circle zur gröβten Bäckerei am Platze. In einer Glasvitrine waren verschiedene Tortenstücke aufgetafelt. Ich nahm die Bestaussehensten – vornehmlich mit Schoko.
Ab da begab ich mich ins Ungewisse. Mit hitzefeindlichen Fressalien bepackt, war ich nun auf der Suche nach einer Bar. Das Ziel war ein Kingerfisher Bier für den Liebsten zu kaufen. Hatte er doch seit seiner zweimonatigen Aufenthaltszeit in Indien nur ein einziges Bier in den Händen halten dürfen. In Restaurants gibt es hier keinen Alkohol und Bars sind rar gesät. Als ich meine Freundinnen nach einer Bar fragte, konnten sie mir keine Antwort geben. Für Frauen ist es absolut verpöhnt in eine Bar zu gehen. Ich lief also vom TC bis zu uns nach Hause - meinen Kopf ständig nach recht und links wendend - auf der Suche nach einer Bar. Kurz vor unserem Apartment dann die Erlösung: Die Bar von BigBoss hatte auf. Mutig setzte ich meinen Ruf aufs Spiel und den Fuβ in die Tür. In dunklen Ecken saβen Männer. Ich lief schnurstracks zum Tresen und verlangte ein Kingfisher Bier. Vorsichtshalber entschied ich mich gegen die Strong-Variante und musste einiges hinblättern. Alkohol ist hier sehr teuer. Sie wickelten die Flasche in Zeitungspapier und übergaben sie mir in einem Plastikbeutel. Ich sprintete zur Wohnung. Martin freute sich riesig – Auftrag erfüllt.


Den Abend lieβen wir in unserem Stammrestaurant Mighty ausklingen. Als süβes Nachtisch-Highlight bestellten wir einen Sizzling Brownie. Wir hatten das aufsehenerregende Dessert schon mehmals bei anderen beobachten dürfen. Ähnlich dem Sizzler wird ein Brownie mit einer Eiskugel oben drauf in einer heiβen Pfanne aus der Küche gebracht. Dann werden Schokosoβe und Nüsse (Cashew-Kerne) darüber gekippt. Alles bruzelt lautstark in der Pfanne und fertig ist das heiβ-kalte Geschmackserlebnis. Warum gibt es sowas Tolles nicht in Deutschland? Wir haben gerade mal Vanilleeis mit heiβen Himbeeren zu bieten.


Die Rechnung

Am nächsten Tag gab es eine böse Überraschung: Das Portemonnaie war kaputt gegangen. Wir liefen zum Geschenkeladen. Mein Verkäufer von damals, der übrigens der Boss war, überzeugte mich erneut von seinen unglaublichen Qualitäten. Freudestrahlend empfing er uns und sagte: „Kein Problem. Ich habe doch gesagt, ihr könnt es jederzeit umtauschen. Sucht euch einfach aus, was ihr wollt.“ Verschmitzt schielten wir auf eine sau teure indische Dekostatur. Aber praktischerweise gingen wir wieder zu den Geldbörsen-Vitrinen und wählten ein ähnliches robusteres Modell aus. Es kostete 45 Rupien mehr als das alte. Der Verkäufer erlies sie uns - spendabel wie er war. So muss das sein. Glücklich verlieβen wir den Laden.

Unsere nächste Herausforderung war Martins Geburtstagsparty. Wir hatten uns das alles so schön vorgestellt. Entgegen der studentisch-indischen Angewohnheit nur essen zu gehen, wollten wir ca. 20 Gäste zu uns nach Hause einladen, standesgemäβ bewirten und einfach das Geburtstagskind und die absolvierten Prüfungen feiern. Das Ganze sollte Samstagnachmittag nach der letzten Prüfung stattfinden. Statt umfangreichen Abendessen entschieden wir uns für ein ausgiebiges Kaffeetrinken mit vielen verschiedenen süβen indischen Leckereien. Meine Kolleginnen fertigten mit mir gemeinsam extra eine Einkaufsliste an und dank Google hatte ich ungefähre Vorstellungen, wie die Süßspeisen aussehen sollte. Indische Spezialitäten: Pedas, Soan Papdi, Upperi, sweet & spicy mixtures und Jahangir Jilabi. Internationale Geschmacksnerven würden mit Cookies, Ice-Cream oder Fruit Salad bestens bedient werden.

Zurück zur Realität: Aus dieser Party wurde nichts. Ich hatte meinen freien Samstag umsonst damit verbracht die Wohnung klinisch sauber zu bekommen. Zum Glück hatten wir das Essen für 20 Personen noch nicht eingekauft. Jedenfalls sprachen einige mehr oder weniger nachvollziehbare Gründe gegen die Heimparty: Martins Kommilitonen brachten an, dass es üblich sei ins Restaurant zu gehen. Er könne sich auch ein Limit für das Budget setzen und alles, was darüber sei, muss jeder selbst bezahlen. Dann argumentierten sie, es sei keine richtige Zeit, manche müssten dann noch zum Deutsch-Kurs, andere wollten nach den Prüfungen relaxen oder seien müde. Unser größtes Problem war, wie wir Kaffee und Tee mit Tassen für 20 Personen organisieren sollten.
Langsam waren wir mit den Nerven am Ende. Ich wollte einfach nur Martins Geburtstag feiern – zusammen eine schöne Zeit verbringen zu Ehren eines lieben Menschen. Martin wollte es einfach nur noch hinter sich bringen. Kurzerhand schickten wir dann Samstagmittag eine Rund-SMS an alle. Wir luden sie in unseren Lieblingseisladen ein.
Das verlockende Angebot funktionierte. Alle Zweifel waren aus dem Weg geräumt und Martins Klasse erschien beinahe vollzählig.



Während ich Interessierten wieder einmal berichtete, wie es mir auf Arbeit gefällt und Bilder von mir im Sari zeigte, stürzten sich die anderen auf zwei völlig überforderte Eisdamen. Dass Inder keine Warteschlangen kennen, brauche ich ja nicht großartig zu erwähnen. Bis ich endlich an meine zwei Kugeln Eis gelangte, hatten andere schon ihren 2. oder 3. Eisbecher inkl. Soße, Obstsalat, Nüssen und Gummitierchen. 

Andrang von allen Seiten
Das Geburtstagskind

Als Martin und ich unser Eis verzehrt hatten, begaben wir uns langsam Richtung Kasse, um schlimmeres zu verhindern. Ich weiß nicht, ob die Verkäuferinnen über eine besonders ausgeprägte Gedächtnisleistung verfügen oder am Ende einfach nur einen ungefähren Betrag nannten.
Mit der Rechnung war die „Party“ auch schon zu Ende. Sie verließen den Ort des Geschehens und mancher bedankte sich auch. Zumindest eine Glückwunschkarte hätten sie ihrem deutschen Klassenkameraden ja mal schreiben können.
Ich komme nicht umhin den Eindruck zu gewinnen, dass manchen Indern bei solchen Feierlichkeiten eine spezielle Art von - milde ausgedrückt - fehlender Bescheidenheit bzw. Würdigung anhaftet.
Eines stand jedenfalls fest: Bei meinem Geburtstag sollte alles anders werden.