Samstag, 5. Februar 2011

7/ Mein Arbeitsalltag


Es ist Samstagabend und meine erste Arbeitswoche ist vorbei. Ich habe unheimlich viel erlebt und Neues erfahren – das versuche ich jetzt alles in diesen Blogeintrag zu quetschen. :)

Jeden Morgen stehen Martin und ich kurz nach 7 auf. Er geht 7.30 zur Uni und ich verlasse 7.45 das Haus. Jeden Tag werden meine schönen schwarzen Sandalen von rotem Staub benetzt. Ich glaube nach allerspätestens einem halben Jahr auf einer Mischung aus Mondlandschaft und Acker-Steinwüste zu laufen, sind sie reif für die Abwrackprämie. Weitere Highlights meines Arbeitsweges sind herumstreunende ausgemerkelte Hunde, Kühe, die entweder Asche oder Plastiktüten fressen und Rauchschwaden aus verbrannten Müllhaufen mit beißendem Gestank. 

Direkt vor unserem Fenster
Heute auf dem Weg zur Arbeit – die Tiere leben alle auf der Straße und sind überhaupt nicht scheu.
Bild für die Götter

Endlich werde ich mal beachtet - von den Hunden bekomme ich nicht so viel Aufmerksamkeit wie von den Menschen.

Meistens bin ich schon 8.15 Uhr auf Arbeit. Meine erste Amtshandlung ist das Einloggen bei Skype. Alle Mitarbeiter kommunizieren über Skype miteinander - auch mit Kunden. Für mich hat das den Vorteil, dass ich mir so die Namen besser einprägen kann. Weibliche Namen sind z.B.: Reshma und Sridevi; männliche Namen: Prasanna, Gautham. Aber wenigsten habe ich hier schon einen Inder kennen gelernt, der einen mir bekannten Namen trägt: Frank.
Die Pausen verbringe ich meist mit denselben Mädels. Ich bin mal wieder die Jüngste an unserem Tisch – viele sind schon verheiratet. Ab 10.00 Uhr haben wir unsere erste Pause. Dann gehen wir in die Cafeteria und dürfen dort kostenlos essen und trinken. Es gibt immer eine kleine warme indische Mahlzeit – zu meiner großen Erleichterung ist die überhaupt nicht scharf. Weiterhin gibt es Kaffee oder sehr leckeren Tee mit Milch. Die Mittagspause ist um 1, die letzte ist um 5.

Problemfall 1
In dem Restaurant, in dem ich an meinem ersten Arbeitstag gegessen hatte, war ich vorher schon einmal gewesen. Ich hatte meine super leckeren, teuren, überbackenen Makkaroni mit Hühnchen (Endlich mal wieder etwas Heimisches.) nicht annähernd geschafft und bat die Kellner es mir einzupacken. Dann hatte ich es aber vergessen - und sie haben es mir nicht verpackt. Da war ich echt sauer.
Auf Arbeit hat man mir gesagt, ich könne bei denen bestellen. Sweta hat sie extra gebeten auf der Papier-Speisekarte die Gerichte anzukreuzen, die nicht so scharf sind. Ich bestellte also meinen Egg Fried Rice. Auf der Speisekarte stand FreeHomeDelivery - umso erstaunter war ich, als sie mir 15 Rupien als „Extra Item“ berechneten. Am nächsten Tag bestellte ich deshalb extra etwas Billigeres, um nicht zu viel auszugeben: French Fries (Pommes) für 35 Rupien. Ich dachte, die hätten sich vertan, als ich den Kassenzettel in der Hand hielt. Waren die doch tatsächlich so dreist und berechneten mir 20 extra Rupien! Ich habe mir geschworen nie wieder bei denen zu bestellen.
Jetzt habe ich natürlich kein Mittagessen mehr. Ich wurde aber großzügig mit jeder Menge indischen Essens meiner Mädels versorgt. Nächste Woche werde ich in einem nahe gelegenen Hotel jeden Tag das gleiche indische Essen bestellen für 20 Rupien. Das habe ich heute gekostet und es schmeckt gut. - natürlich alles vegetarisch und extrem viel.

Problemfall 2
Als ich gestern zum Mittagessen in die Cafeteria ging, lag dort ein toter Vogel unter einem Tisch. und wurde sogleich von Ungeziefer belagert. Ich habe keine Ahnung wie er das geschafft hat - mein heiß geliebter Essenstempel war jedenfalls entweiht.


Das ist hier echt schlimm. In unserer Wohnung müssen wir sehr aufpassen. Wenn wir den Mülleimer nicht regelmäßig leeren, dürfen wir innerhalb kürzester Zeit ein Kleintiergehege bei uns begrüßen.
Wenigstens haben wir jetzt endlich einen Kühlschrank – sogar mit Gefrierfach. Der aktuelle Inhalt: Wasserflasche, Weißbrot, Butter, komische Marmelade, Obst, Gemüse. Jetzt müssen wir uns noch ernsthaft überlegen, ob wir uns etwas Küchenähnliches kaufen. Jeden Tag ins Restaurant zu gehen, ist doch etwas teuer, und auf Dauer langweilig usw.
Gestern haben wir ein neues Restaurant ausprobiert: Big Boss. Als wir gesehen haben, dass es für indische Verhältnisse extrem edel war, haben wir es nur sehr zögerlich betreten. Zum Glück hatte ich noch mein „Business-Outfit“ an – im Gegensatz zu meinem Freund im Deutschland-Trikot. Aber manche Männer schaffen es ja sogar mit Trainingsanzug in die Oper zu gehen. ;) Das Essen im „Familienrestaurant Big Boss“ war jedenfalls sehr lecker. Wir bestellten die 4 billigsten Gerichte: Fresh Green Salad (einfach nur ein paar Scheiben Gurken, Möhren, Zwiebel, Tomaten ohne Dressing), French Fries (sogar selbst gemacht – so schön schief wie die waren), Veg Noodels (Nudeln mit bisschen Grünzeug drin) und ein Egg Omlett (sah aus wie ein Eierkuchen).

Zurück zur Arbeit

Noch ein paar typische Dinge, die mir aufgefallen sind:
Mehrmals täglich werde ich gefragt, ob ich Frühstück/Mittag gegessen habe – manchmal auch, was ich gegessen habe und ob es mir geschmeckt hat. Ich dachte ja immer, ich sei extrem auf das Essen fixiert, meinem Highlight des Tages, (jedenfalls als ich noch in Deutschland war) – aber die Inder überbieten mich bei weitem. Sie essen nicht nur extrem viel und oft, sie sprechen auch dauernd darüber. Bei jeder Mahlzeit soll ich immer von jedem einzelnen das Essen kosten. Und kosten bedeutet nicht einen Bissen. Wenn ich das Essen von 2-3 Mädels kosten soll, türmt sich schon mal ein Berg auf meinem Teller. Dann werde ich mit großen gespannten Augen angeschaut und soll sagen, ob es mir schmeckt. Meistens bin ich ehrlich. ;) Wenn ich ihnen dann mein Essen anbiete, will keiner etwas nehmen.

Es ist oft nicht leicht zu verstehen, was die Inder von mir wollen. Erst habe ich wirklich an meinen Englischkenntnissen gezweifelt. Aber manche können nicht so gut Englisch sprechen und andere haben einen extremen Akzent. Allein die Betonung oder das Buchstaben-Verschlucken bzw. Nuscheln ist meine tagtäglich größte Herausforderung. Beim Essen unterhalten sich alle immer in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Aber nicht einmal der Chef versteht diese Sprache. Die Sprachen hier sind regional sehr verschieden – so als wenn Chemnitz eine eigene Sprache hätte (so weit ist das ja gar nicht hergeholt). :)

Ein weiterer sympathischer Fimmel der Inder sind Blumen. Ich habe keine Ahnung, wie sie das bei der Dürre und Hitze bewerkstelligen. Aber egal wo man hinblickt – irgendetwas ist immer mit Blumen geschmückt, seien es Busse, Häusereingänge, Maschinen, Frauenfrisuren. Allerdings werden nur die Blüten verwendet und meist zu einer Kette verflochten.

Meeting mit dem Chef

Der „große“ Chef, der in der strengen indischen Hierarchie nur noch einen über sich hat, bestellte mich zu sich. Dabei waren außerdem der Chef „darunter“ Mr. Desai und Sweta. Nach dem Smalltalk kamen wir zu den Fakten. Ich erklärte mein Problem mit der indischen Sim-Card – sie wollten sich darum kümmern. Wir besprachen meine Tätigkeit, Vertrag und Gehalt. Beim Thema Arbeitszeiten lief es dann nicht mehr ganz so gut für mich - also 6 Tage die Woche arbeiten. Außerdem hätten sie mich gern zu den deutschen Arbeitszeiten da, wenn ich Kontakt zu deutschen Kunden aufnehme. Das ist für mich schon verständlich, aber durch die blöde Zeitverschiebung müsste ich dann von 13.00 bis ca. 22.00 Uhr arbeiten. Das heißt in der schlimmsten Mittagshitze kommen und in der Nacht, wenn kein Bus mehr fährt, gehen. Toll, da zieht man schon zusammen, um dann eine „Sonntags-Beziehung“ zu führen. Na mal sehen, wann das auf mich zukommt.

Meine Arbeit (Ich versuche mich nicht zu fachlich auszudrücken.)

Diese Woche habe ich fast alle Departments (Abteilungen) kennen gelernt. Der Verantwortliche jedes Bereichs und Mr. Desai haben unheimlich viel Zeit in mich investiert. Zwischen Chef und Fachspezialist saß ich nun und notierte mir alles genau. Vieles war mir zum Glück schon bekannt.

Department Imaging
Die Photoshop-Artists – es gibt scheinbar nichts, was sie nicht können. 

Vorher
Nachher
























Einige Referenzen:
 

Department XML/HTML
Sie verwandeln ein echtes Buch in ein eBook für diverse Reader. Das Ganze durfte ich gleich am Sony Reader, Amazon Reader und iPad testen. Außerdem können sie auch komplette pdf-Dokumente in eine Database einfließen lassen.

Department Website Development
Die Programmierer. Mit Hilfe von Content Management Systemen (CMS) können die Kunden ganz laienfreundlich selbst Inhalte in ihre Internetseite einfügen. Nicht zu vergessen Blogs, E-Commerce-Lösungen (Onlineshops), Animationen, Webdesign, Widgets (Einbindung von Twitter etc.), Suchmaschinenoptimierung (SEO) usw.

Department Publishing
Die Grafikdesigner kreieren Anzeigen, Kataloge, Bücher, Magazine, Broschüren, Illustrationen etc. Egal, was du ihnen vorlegst – sie können alles 1 zu 1 am Computer nachstellen (Grafiken, Illustrationen, Logos). Sie haben mir sogar ein dickes fettes niederländisches Anatomie-Buch gezeigt. Ihr könnt euch sicher vorstellen, welche Arbeit so etwas macht.

Department Applications
Sie entwickeln Apps für iPad und iPhone.

Department Software Development
Sie entwickeln spezielle Software nach Wunsch. MDS verwendet firmenintern drei Softwares, die sie selbst entwickelt haben.
„Studio Connect“ begleitet den Kunden von der Auftragserteilung bis zum fertigen Produkt. 24 Stunden am Tag kann er am Desktop die Bearbeitung verfolgen und er kann Änderungen ganz einfach mit der Maus am Objekt markieren und Kommentare verfassen.

Department Quality
Darunter kann sich sicher jeder etwas vorstellen. :)

Die restlichen Departments werde ich noch kennen lernen.


So, bis bald ihr Lieben.
Ich genieße jetzt mein wohlverdientes Wochenende.

Freitag, 4. Februar 2011

6/ Erster Tag auf Arbeit

Hallo meine lieben fleißigen Blogleser,

eure Komplimente und aktive Teilnahme an meinem Leben hier in Indien motivieren mich immer wieder, viel Zeit in jeden einzelnen Eintrag zu stecken. Seitdem ich arbeiten gehe, ist sie nämlich etwas knapper bemessen.


Mein erster Arbeitstag

Einen Tag, bevor es losgehen sollte, wurde mir mitgeteilt, dass ich Dienstag zwischen 9.30 und 10.00 Uhr in die Industrial Area in das „Office“ von MDS (Manipal Digital Systems) kommen soll. Mein Ansprechpartner wird Chandrakant S Desai sein.
Martin war schon in der Uni, als ich kurz vor 9 das Haus verließ. Bepackt mit einer 2-Liter-Wasserflasche, einem Wörterbuch, deutschen Keksen, ca. 550 Rupien, Sonnencreme, Digitalkamera und einem Handy mit Martins indischer Sim-Karte (Problemfall Sim-Karte siehe Blogeintrag 3) war ich gerüstet für alles, was kommen möge. In Sandalen lief ich am Straßenrand über die rote Erde, über Stock und Stein. Dabei überholte ich so einige Inder -  den deutschen Sturmschritt kannten sie wohl noch nicht. Nach 10 – 15 Minuten kam ich dann am Tiger Circle an. 

Tiger Circle
Seitenstraße zur Parkala Road
Da es keine ausgewiesenen Bushaltestellen gibt, war es nicht so einfach den Abfahrtsort Richtung Industrial Area zu finden. Ebenso erforderte die Wahl der Straßenseite ein Umdenken aufgrund des Linksverkehrs. Einige Zeit später konnte ich schließlich in den richtigen Bus einsteigen. Ich betrat den Bus durch die hintere Tür und dachte kurzzeitig, ich befände mich in einem reinem Männerbus. Die Fleischbeschau einer Zuchtstute auf dem Viehmarkt – dieses Vergnügen konnte ich live und in 3D nachempfinden. Zum Glück winkte mich jemand wieder heraus – ich sollte vorne einsteigen. Dort empfand ich bei den indischen Frauen in ihren bunten Saris plötzlich ein starkes Gefühl der Zugehörigkeit. Dem „Geldeinsammler“ nannte ich meinen Ausstiegsort „Industrial Area“ und er verlangte 4 Rupien. Kurz vor 10 ging es endlich los. Die holprigen Straßen und die beengten Platzverhältnisse kannte ich ja bereits von der letzten Busfahrt. Irgendwann wurde ich dann rausgeschubst. An eine Industrial Area erinnerte mich nicht viel außer einem größeren blauen Gebäude und einem Schild mit Lageplan. 

A: Unser Haus, B: Tiger Circle, C: Bushaltestelle Industrial Area, D: MDS

Ich rief Mr. Desai an – der wollte mich mit dem Auto abholen, da es viel zu weit zu laufen wäre. (Später stellte sich diese Strecke als 5-Minuten-Fußweg heraus.) Er fragte nach der Farbe meines Kleides, damit er mich erkennen könne. Davon abgesehen, dass ich in ganz Manipal noch kein weiteres „weißes“ Mädchen gesehen hatte, womit ich verwechselt werden könnte - trug ich außerdem Hosen. 

Industrial Area

Im Firmengebäude angekommen, begrüßte mich der Rezeptionist. Bei ihm musste man immer eintragen, wann man kam und ging. Ich folgte Mr. Desai ins „Office“ bis in sein Büro. Die Klimaanlage verschaffte uns winterliche Frische. Besonders fasziniert war ich von den gläsernen Wänden, auf die mit Edding verschiedene Informationen notiert waren. Nach der Beantwortung der Standardfragen „Wie gefällt es dir hier? Wo wohnst du?“ etc. fragte er mich, ob ich Lust auf einen Snack hätte. Sie servierten mir extrem gesüßten Chai-Tee und eine sehr süße Art gelben Griesbreis.
Der Plan für meine Zeit bei MDS sah Folgendes für mich vor: Erst sollte ich jede einzelne Abteilung und deren jeweilige Kompetenzen genau kennen lernen und verstehen. Dann war eine Art Strategieplanung und ausführliche Marktforschung vorgesehen. Schließlich sollte ich die Verantwortung für den deutschen Markt übernehmen. Wenn mir diese Tätigkeit zusagt, dürfe ich nach meiner Rückkehr in Deutschland als Agent für MDS tätig sein.

Manipal Digital Systems

Manipal Digital Systems (MDS), die Manipal Press mit ihren über 3.500 Mitarbeitern und die Manipal University (älteste Privatuniversität in Indien) gehören u.a. zur 750 Millionen Dollar Manipal Group.
MDS ist international tätig und Anbieter von professionellem Outsourcing. Wir arbeiten nach dem 24/7/365-Prinzip (24 Stunden, 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr).

Eine kleine Auswahl aus dem Portfolio:

Bildbearbeitung
Grafikdesign
E-Books, Database
XML,HTML, Flash, Flex, ActionScript
Webseitenentwicklung
Content Mangement Systeme
SEO & SEM
E-Commerce-Lösungen
Animationen & 3D-Modeling
Applikationen & Softwareentwicklung
Videoproduktion

Spot für eine Bank:




Zurück zu meinem ersten Arbeitstag:

Als Nächstes wurde ich einer Frau namens Sweta B Bangera vorgestellt. Sie zeigte mir die gesamte Firma. Von der Rezeption aus führt eine weitere Tür in die Produktion. Die Handys müssen vorher abgegeben werden – nur Teamleiter und Marketingleute dürfen sie behalten – also ich auch. Sie zeigte mir den Serverraum, die Cafeteria und einen großen leeren Raum, in dem wahrscheinlich Veranstaltungen stattfinden. Dann betraten wir ein Großraumbüro – neugierige Hälse streckten sich mir entgegen. Sweta führte mich durch alle Abteilungen, erklärte mir die Strukturen und zeigte mir Referenzen. Dann wurden wir von Mr. Desai persönlich zum Mittag in ein Restaurant gefahren und ich durfte auf Kosten der Firma speisen. Halb 6 war mein erster Arbeitstag auch schon zu Ende. Man schlug mir vor für 150 Rupien am Tag immer per Rikscha zu kommen. Doch ich war zu geizig und bevorzugte den Bus für 8 Rupien am Tag.

Viele Grüße aus Manipal

Eure Bine

Dienstag, 1. Februar 2011

5/ Khao, pio, maja karo!, Tempel und Strand


Sonntag ist endlich Wochenende in Indien und wir verbrachten den Tag getreu der indischen Lebensmaxime „Khao, pio, maja karo!“ (Iss, trink, hab Spaß!).

Alles begann mit dem Weckerklingeln 6.00 Uhr. Ein Kommilitone von Martin und dessen Freunde wohnen bei uns im Haus. Zusammen sind wir mit der Rikscha zum Bahnhof in Udupi gefahren. Wir mussten den doppelten Preis zahlen, da es für den Tagespreis noch zu früh war. Dennoch zahlte Martins Kommilitone für unsere Rikscha 20 Rupien mehr als seine Freunde. Wahrscheinlich weil er zwei „Weiße“ an Bord hatte.
Dort angekommen, wurden wir - wie so oft - von allen Anwesenden beäugt. Ich versuche immer alle Blicke gekonnt zu ignorieren. Martin ist sich sicher, dass alle nur mich anschauen. Vielleicht weil ich eine Frau bin oder noch „weißer“ bin als er. Meine Schultern waren jedenfalls bedeckt, aber ein Viertel meiner Beine war zu sehen.
Erst warteten wir darauf, bis die gesamte Truppe vollzählig ist. Dann warteten wir auf den Zug, wobei man sich nie sicher sein kann, wann er genau eintreffen wird. 

Die Mädels (Ich bin übrigens die Jüngste.)
Die Jungs

Als der Zug da war, wurde gedrängelt um Leben und Tod. Wir betraten einen muffigen überfüllten Zug, der in Deutschland schon längst verschrottet worden wäre. 
Im Zug - die Decke ist mit Ventilatoren übersäht.

Einige unserer 13-köpfigen Mannschaft hatten einen Platz ergattert. Sie wurden Martin und mir auch sogleich angeboten. In Indien werden Gäste nämlich als Götter angesehen und dementsprechend behandelt. So hatte ich einen guten Blick durch Gitterstäbe auf die fantastische vorbeiziehende Landschaft. 

 



Doch immer, wenn ich mich wieder dem Zuginnern zuwendete, traf ich irgendein dunkles Augenpaar. Unsere Freunde vertrieben ihre Zeit mit pantomimischem Bollywood-Film-Raten. Durch die engen Gänge hangelten sich immer wieder Menschen, die verschiedenes Essen und Trinken anboten. Zwei Stunden sollte die Zugfahrt auf den ungemütlichen Bänken dauern. Doch es lohnt sich allemal, ist es doch die preisgünstigste Möglichkeit von A nach B in Indien zu kommen. 
Zweimal laut klatschende Hände rissen mich aus meinem Dahindösen: Eine Person im gelben Sari (Kleid der indischen Frauen) ging durch den Zug und klatschte jede Person „wach“. Solche Menschen sind für Inder „weder Mann noch Frau“. Ich ließ mir sagen: Sie können nicht arbeiten gehen und sammeln deswegen Geld ein. Sie bilden eine Gemeinschaft mit anderen Transvestiten, Transsexuellen…was auch immer. Die Jüngeren gehen betteln und versorgen die Älteren. Zu meiner Verwunderung gaben viele Menschen Geld. Angeblich sollen die Worte dieser Personen wahr werden und so will man sie nicht verärgern. Ich selbst empfand das als sehr störend und absolut nicht gerechtfertigt – aber zum Glück kommt man mit „Ignorieren“ in Indien sehr weit.

Rechts oben: der Bahnhof; der Tempel auf der Halbinsel
Endlich in unserem Zielort Murudeshwara angekommen, liefen wir eine belebte Straße mit unzähligen kleinen Ständen entlang. "Murudeshwara" ist ein anderer Name für den hinduistischen Gott Shiva. Hindu-Tempel sind jeweils einer Gottheit geweiht – dieser also dem Gott Shiva. Der Tempel wurde auf einem Hügel erbaut, wobei drei Seiten vom Arabischen Meer umgeben sind.




Schon von weitem konnte man das 20-stöckige Gopura sehen. Zwei lebensgroße Elefanten bildeten den Eingang zum Tempel. 


 
Vor dem Tempel hieß es Schuhe ausziehen. Im Tempel erwarteten uns verschiedenste Statuen, goldene Verzierungen und viele Menschen. In einem separaten Raum in der Mitte befand sich ein Geistlicher. Dort wurden Riten vollzogen und gebetet. Es roch nach Räucherstäbchen und die Frauen bekamen Blumen, die sie sich ins Haar steckten. Andere tranken etwas, was der Geistliche verteilte. Martin ist das Religiöse etwas suspekt, aber ich fand es sehr interessant. Es ist schön, dass man tolerant auch Nicht-Hindus in die Tempel hinein lässt – und das ohne Eintritt. Ich hatte das Gefühl dieser Platz war den Indern gewidmet anstatt Touristenschwärmen. Umso erstaunlicher war es für die Inder zwei „Weiße“ zu Gesicht zu bekommen.
Größte Shiva-Statue der Welt (37 m)






Zwei kleine Jungs kamen auf mich zu: Der Ältere sagte zu mir „Photo“ und zeigte auf sich und den anderen. Der Kleinere versuchte zu entfliehen, aber der Große hielt ihn fest. Also fragte ich, ob ich ihn denn fotografieren dürfte. Da nickte er ganz verschüchtert. Dann kamen zwei kleine Mädchen dazu und wollten auch auf das Foto. Dann wollten sie ein Foto mit mir zusammen. Der kleine Junge fragte mich: „Where are you from?“ Ich kniete mich zu ihm nieder und sagte: „Germany. Weißt du denn wo Deutschland ist?” „Nein“ „In Europa.“ Er gab mir seine Hand und verriet mir seinen Namen und ich meinen. Er kam aus Bangalore (Hauptstadt von Karnataka) und wollte mich sogar zu sich nach Hause einladen. Schließlich kam die ganze Familie.




Damit begann die große Foto-Jagd auf uns. Frauen in Saris, Männer, Jugendliche – alle wollten auf ein Foto mit uns. Ich war zwar etwas irritiert, aber erfüllte ihnen gern den Wunsch. Inder sind meist sehr emotionale Menschen, von der „ganz normalen“ Bewunderung bis zur Vergötterung kann es da ein kleiner Schritt sein.
Als sich der gesamte Tempel allerdings mit fotowütigen Indern überfüllte, brachten uns unsere indischen Freunde weg. Sie sagten, wir seien so eine Art „Celebrities“ in Indien. Wer weiß in welchen indischen Wohnzimmern oder Facebook-Accounts wir jetzt als Statussymbole verewigt sind. Keine Angst, ich bin auf dem Boden geblieben. ;) Hari fragte mich, ob es für ihn auch so wäre, wenn er nach Deutschland käme. Etwas überrascht, aber im Nachhinein nachdenklich werdend, antwortete ich: „Nein“.
Als die nächsten nach einem Foto fragten, schlugen unsere indischen Freunde vor Geld zu verlangen. Dann machten Martin und ich ein Foto mit einer aus unserer Gruppe und ich streckte die Hand aus und forderte: „100 Rupees!“ Alle lachten. Beim nächsten Foto mit einem Freund streckte er die Hand zu mir aus und verlangte: „100 Rupees!“ Wir lachten Tränen.“
Wieder raus aus dem Tempel, wollten sich gleich wieder Männer mit mir fotografieren. Hari wehrte ab, sie müsse auf ihren „Husband“ (Mann) warten. Zu mir sagte er ich soll mir etwas überziehen. Seit diesem Ereignis wurde ich noch mehr von unseren indischen Freunden überwacht. Hari sagte zu Martin, er solle besser auf mich aufpassen.

Dann gingen wir in ein Restaurant und feierten Haris Geburtstag mit einer Torte.


Dürfen nur inoffiziell ein Pärchen sein













Den ganzen Tag hatte ich es herbei gesehnt – Sonnenbaden am Strand. Daraus wurde nicht viel. Bis zur entlegensten Stelle sind wir unter Beobachtung gelaufen. Auffällig oft kamen Menschen, Motorräder oder sogar Autos direkt an uns vorbei. Alle schauten uns unablässig an, dabei hatte ich mir noch mehr über gezogen wegen der brennenden Sonne. Wir hatten trotzdem unseren Spaß, wanderten im Wasser, übten ein bisschen Salsa…ja, das klingt nach Urlaub. 

Einsiedler-Krebs
 
Ein gehöriger Sonnenbrand ließ sich trotzdem nicht vermeiden. Mit einem kühl-nassen Handtuch vermummt, einen roten Punkt auf der Stirn und hellen Beinen lief ich als weiße Hindu-Moslemin zurück. Die Aufmerksamkeit war mir wieder sicher.
Wieder am Bahnhof, sollten wir für unsere indischen Freunde ein deutsches Lied singen. Schnell studierte ich mit Martin den Kanon „Der Hahn ist tot“ ein. Von dem „co co di co co da“ waren alle so begeistert, dass sie mitsangen. Dann wurden wir mit diversen viel zu süßen Süßigkeiten und einer gesalzenen Ananas wieder an die kulinarischen Unterschiede erinnert.
Auf dem Nachhauseweg vom Bahnhof von Udupi hatte ich zum ersten Mal die Gelegenheit mit einem indischen Bus zu fahren – "abenteuerlich" ist untertrieben. Laut wurden die Stationen ausgerufen, an denen der Bus Halt machen würde, dann hieß es schnell schnell einsteigen (auf einmal sind die sonst so gemütlichen Inder wie von der Tarantel gestochen). Im Bus waren nur noch Stehplätze. Martin parkte seinen Kopf zwischen Busdach und zwei Eisenstangen – immer nahe der Gehirnerschütterung. Durch die Sehschlitze der Mosleminnen-Gewänder blitzen mich dunkle Augen an. Der Bus fuhr noch schlimmer als die Rikschas, nahm jedes Schlagloch mit, raste, hupte, überholte – wir hatten ca. 5 Sekunden zum Aussteigen, dann fuhr er wieder los.
Die kalte Dusche und das harte Bett begrüßten mich herzlich.